Dieser Text ist zusammen mit meinen Fotos zuerst erschienen in der Zeitschrift Junge Kirche, Ausgabe I/2006. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

Das Martin-Luther-Gymnasium in Wittenberg wurde 1975 als einfacher Plattenbau erbaut. Nach der Wende sollte das Gebäude renoviert werden. Wie würdet Ihr Eure Schule gestalten, damit es Spaß macht, hier zu lernen und zu leben? wurden die Schüler und Schülerinnen im Kunstunterricht im Rahmen eines Wettbewerbs gefragt.

Die Kulturdezernentin des Landkreises, Gisela Kummetz, besuchte in dieser Zeit eine Hundertwasser-Ausstellung in Günthersdorf bei Merseburg und kam auf die Idee, mit den Kinderzeichnungen "Wie stelle ich mir meine Schule vor" nach Wien zu fahren und den Hundertwasser-Manager aufzusuchen. Zufällig war Hundertwasser in dieser Zeit in Wien, der von der Idee, eine Schule umzugestalten, begeistert war. Inspiriert durch die Zeichnungen der Kinder, legte Hundertwasser noch im selben Jahr (1993) einen honorarfreien Entwurf vor. Ein erstes Modell wurde 1995 der Öffentlichkeit präsentiert, und gut zwei Jahre später wurde mit dem Bau begonnen. Hundertwasser war damit einverstanden, dass die Innenausgestaltung von Künstlern und Künstlerinnen der Region und von Schüler/innen übernommen wurde. Am 29. Mai 1999 wurde das Renovierungsprojekt abgeschlossen.
"Gerade in der Architektur für Kinder, bei Schulen und Kindergärten, wurde nach dem Krieg in geradezu verbrecherischer Weise gesündigt. Die Kinder verbringen ihre kostbarste Zeit, ihre Jugend- und Entwicklungsjahre, in Architekturen, die Strafanstalten oder übereinander gestapelten Hühnerställen ähneln, in denen die Seele des Kindes zugrunde geht mit allen bösen Folgewirkungen für unsere Gesellschaft eigene Träume und Schöpfertum, ohne die der Mensch nicht Mensch sein kann, werden in diesen autoritären, gefühlskalten Erziehungsanstalten bereits im Keim erstickt. Kopfweh, Unwohlsein, Aggressionen, psychische Störungen und Flucht in Narkotika etc. etc., das ist die Rechnung, die uns allen präsentiert wird. Nur etwas später.
Ich wurde gebeten, gerade in der Stadt Wittenberg ein Beispiel, ein Pilotprojekt in der vernachlässigten humanen Richtung zu geben, nachdem ich mein Bemühen für eine natur- und menschengerechtere Bauweise bereits seit Jahren unter Beweis gestellt habe."
(Hundertwasser)

Hundertwassers Plädoyer für Baummieter (das sind Bäume, die aus dem Fenster wachsen)
Der Baummieter bezahlt Miete in wertvolleren Devisen als ein Menschmieter:

"Es sollte nicht einer Gemeinde zur Ehre gereichen, wie viel selbst gewachsene Natur sie zerstört, sondern es sollte vielmehr für eine Gemeinde Ehrensache sein, so viel wie möglich von ihrer natürlichen Landschaft zu schützen."
(Hundertwasser)

Friedensreich Hundertwasser (eigentlich: Friedrich Stowasser) wurde 1928 in Wien geboren. Sein Vater, ein arbeitsloser Ingenieur, starb kurz nach seiner Geburt. Seine jüdische Mutter arbeitete in einer Bank. Friedrich der von 1941 bis 1945 Mitglied der Hitlerjugend war und seine Mutter überlebten den Krieg. Seine jüdische Verwandtschaft war 1943 nach Osteuropa deportiert und umgebracht worden. 1946 arbeitete Friedrich in der Landwirtschaft. Die Farben der Natur beeindruckten ihn so, dass er entschied, Maler zu werden. Kunst und Ökologie wurden für ihn zu einer Einheit.
Zitate von Hundertwasser:
Hundertwasser Architektur. Für ein natur- und menschengerechteres Bauen, Köln 1997
http://www.pdeleuw.de/hw/jk.html - ausgedruckt am 17.05.2012