Peter de Leuw:

Gewinnung und Einsatz multispezifischer Antikörper als Hilfsmittel zur Probenvorbereitung in der Rückstandsanalytik von Penicillinen

 

2. Immunogensynthese und -analytik

2.1 Der Syntheseweg

Der günstigste Weg für die Synthese eines 6-APA-Immunogens scheint über die Acylierung der 6-APA zu führen. Die Kopplung an das Protein kann auf schonendem Wege bei neutralem pH über eine Nitrenreaktion erfolgen. Allerdings beschreibt Fischer [151] die Spaltung von beta-Lactamen durch UV-Licht. Diese Spaltung ist substituenten- und lösungsmittelabhängig. Versuche mit der elektrochemischen Detektion nach UV-Bestrahlung zeigten, daß bei allen Penicillinen eine photochemisch induzierte Veränderung auftritt [45, 46]. Später zeigte sich, daß unter den gewählten Bedingungen offenbar keine Veränderungen an der Penicillinstruktur auftraten (s. Kap. 4.2.1.2.2 und 4.3.1.1.2). Als Spacer ist somit ein Molekül erforderlich, das sowohl eine Azidfunktion als auch eine Carboxylfunktion trägt. Hier bietet sich Azidobenzoesäure an.

Die Immunogensynthese erfolgte nach dem folgenden Schema (Abb. 2-1).

2.2 Synthese von p-Azidobenzoesäure

p-Azidobenzoesäure ist nicht im Handel erhältlich. Sie ist jedoch leicht über p-Aminobenzoesäure zugänglich. Die Synthese wurde nach Galardy et al. [152] mit geringen Modifikationen durchgeführt: Das Ende der Diazotierungsreaktion wurde mit Kaliumiodid-Stärke-Papier überprüft und die Trocknung des Endprodukts erfolgte über di-Phosphorpentoxid im Vakuum.
Der Schmelzpunkt des Produktes von 182 - 183 °C stimmte mit dem von Galardy et al. angegebenen überein (183 °C).
Die Umsetzung des Edukts wurde mittels DC/UV-Detektion überprüft. Sie war vollständig, das Produkt war einheitlich. Als Rf-Werte wurden auf Kieselgel mit Petrolether/Diethylether/Eisessig (8 + 5 + 10, v/v/v) ermittelt: p-Aminobenzoesäure: 0,75 und p-Azidobenzoesäure 0,90.
Die Aufnahme eines IR-Spektrums zeigte, daß die Einführung der Azidfunktion gelungen war (Abb. 2-2). Das Auftreten einer Bande bei 2100 cm-1 wird durch die Azid-Valenzschwingung bedingt [104], außerdem verschwanden die Amino-Valenzen bei 3340 und 3440 cm-1 [104, 153].

2.3 Synthese von p-Azidobenzoylchlorid

Da die direkte Kopplung von p-Azidobenzoesäure an 6-APA nicht erfolgreich war (s. Kap. 2.6), sollte der Weg über das Säurechlorid eingeschlagen werden.
Die Synthese von Säurechloriden kann u.a. mit Hilfe von Thionylchlorid, Phophortrichlorid und Phosphorpentachlorid erfolgen [154]. Ein bequemer Weg führt über Oxalylchlorid. Die Nebenprodukte Kohlenmonoxid, Kohlendioxid und Chlorwasserstoff lassen sich leicht durch Anlegen eines Vakuums entfernen. Die Verwendung anderer Methoden erfordern häufig den Einsatz von aufwendigeren Vakuumdestillationen. Katalysiert man die Reaktion mit Dimethylformamid (DMF), benötigt man nur einen geringen Überschuß an Oxalylchlorid [155, 156].
Der letztgenannte Weg wurde zur Synthese von p-Azidobenzoylchlorid eingeschlagen.
Der Zersetzungspunkt des Produktes lag bei 39 °C.
Bei der DC-Untersuchung (Kieselgel F, Toluol/Essigester (6 + 4, v/v) zeigte sich ein einheitliches Produkt mit einem Rf-Wert von 0,95, während p-Azidobenzoesäure einen Rf-Wert von 0,60 aufwies.
Im IR konnte die C=O-Valenz bei 1720 und 1755 cm-1 von Säurehalogeniden identifiziert werden. Diese sind bei Wellenlängen von 1700 - 1785 cm-1 zu finden [104]. Es war keine C=O-Valenz von organischen Säuren bei 1665 cm-1 sichtbar. Außerdem war die N3-Valenz bei 2100 cm-1 vorhanden (Abb. 2-3).

2.4 Synthese von p-Azidobenzoylpenicillin

Die Reaktion von 6-APA mit Säurechloriden wird in der Literatur unterschiedlich beschrieben:
Sjoberg und Ekstrom [157] setzen 6-APA als Trimethylsilylderivat ein und verwenden als Lösungsmittel Tetrahydrofuran (THF).
Calam et al. [158] beschreiben die Reaktionsführung in wäßrig-acetonischer Lösung bei pH 7,9.
Oft wird in wäßrig-acetonischer Lösung unter Zugabe von Natriumhydrogencarbonat gearbeitet [101, 159, 160, 161].
Dieser Weg wurde auch hier gegangen. Es wurde ein Produkt mit einem Zersetzungspunkt von 38 °C erhalten.
Die DC wurde mit tert. Butanol/Wasser (1 + 19, v/v) als Fließmittel (modifiziert nach [162]) und mit UV- und Iodazid-Detektion [163, 164] durchgeführt. Das Produkt war einheitlich. Als Rf-Werte wurden ermittelt: p-Azidobenzoylchlorid: 0,84; 6-APA: 0,07; p-Azidobenzoylpenicillin: 0,28.
Im IR zeigten sich zwei charakteristische Banden: die N3-Valenz bei 2100 cm-1 und die Carbonylschwingung des beta-Lactamringes bei 1760 cm-1 (Abb. 2-4).

In der Literatur wird für einen beta-Lactamring, der an einen Thiazolidinring kondensiert ist, der Bereich von 1760 bis 1780 cm-1 angegeben [6, 7, 160, 165,166].

Im 1H-NMR-Spektrum konnten die Protonen am Aromaten und die Protonen der 6-APA zugeordnet werden [4, 167 - 169] (Abb. 2-5).

2.5 Direkte Kopplung von Azidobenzoesäure an 6-APA

Die Kopplung von Carbonsäuren an die Aminofunktion von 6-APA kann auf verschiedenen Wegen durchgeführt werden. Eine Methode führt über die Katalyse mit Penicillin-G-Acylase [170].
Die Methode über das gemischte Anhydrid wird mit Chlorameisensäureethylester ohne [171] oder mit Zusatz von Triethylamin (TEA) [159] oder mit Chlorameisensäurebutylester mit TEA-Zusatz [160] beschrieben.
Ein anderer Weg zur Knüpfung von Amidbindungen führt über Katalyse mit N-Hydroxysuccinimid (NHS). Dabei muß in neutraler oder leicht saurer Lösung gearbeitet werden, da NHS im Alkalischen sehr schnell hydrolysiert. Da 6-APA nur im schwach Alkalischen durch Salzbildung löslich ist, konnte diese Reaktion nicht verwendet werden.

Die Kopplung von Azidobenzoesäure an 6-APA sollte aufgrund der einfachen Reaktionsführung nach Rehse und Ritter [171] erfolgen. Eine IR-Analyse des Produktes zeigte jedoch, daß die Azidfunktion nach der Umsetzung nicht mehr vorhanden war. Die direkte Reaktion von 6-APA mit p-Azidobenzoesäure wurde daher nicht weiter verfolgt.

2.6 Photochemische Kopplung

p-Azidobenzoylpenicillin hat bei 200 und 267 nm je ein Extinktionsmaximum. Das Maximum bei 267 nm nimmt bei UV-Bestrahlung ab, während sich das Maximum bei 200 nm nicht verändert. Diese Beobachtung stimmt mit der Beschreibung von Bayley und Knowles [105] überein.
Die Photoreaktion wurde durch Bestrahlen mit einer Niederdruckquecksilberdampflampe gestartet. Dabei wurde die Lösung eisgekühlt. Die Azidkomponente wurde langsam zugegeben, um intermolekulare Reaktionen des Azids zu minimieren. Eine erneute Zugabe erfolgte erst, wenn die durch die Azidgruppe verursachte Extinktion bei 267 nm auf 1/3 des Ausgangswertes abgesunken war.
Als Trägerproteine wurden KLH und OVA eingesetzt. Beide Proteine stammen nicht von Säugern und lassen so aufgrund der phylogenetischen Distanz eine hohe Immunogenität im Kaninchen erwarten.

Die Reaktionsausbeute läßt sich durch volumetrische Bestimmung des freigesetzten Stickstoffes ermitteln [109]. Hier wird vorausgesetzt, daß der nicht mehr nachweisbare Anteil des Azids auch einen Reaktionspartner gefunden hat und daß kein Anteil durch Umlagerung verloren gegangen ist.
Diese Methode setzt eine präzise Apparatur zur Bestimmung kleiner Gasmengen voraus.
Meistens wird die Reaktionsausbeute jedoch durch Bestimmung einer charakteristischen Extinktion der eingeführten Gruppe berechnet.
Da p-Azidobenzoylpenicillin keine charakteristische Extinktion besitzt, mußte ein anderer Weg gefunden werden.

2.7 Bestimmung der Belegungsdichte

Zum Abschluß der Synthese sollte bestimmt werden, wie hoch die Belegungsdichte der Proteine mit 6-APA war. Oft wird dazu die Anzahl der derivatisierten Amino- oder Carboxylfunktionen am Protein herangezogen. Diese Methode scheidet aus, da die zur Kopplung verwendete Nitrenreaktion unspezifisch ist und keine bestimmte funktionelle Gruppe im Protein angreift.
Eine weitere Möglichkeit ergibt sich, wenn das Hapten eine spezifische Absorption aufweist, aufgrund derer es sich am Protein quantifizieren läßt. Da das an das Protein gekoppelte 6-APA-Derivat keine spezifische Absorption besitzt, scheidet diese Methode aus.
Obwohl diese beiden am häufigsten eingesetzten Methoden nicht einsetzbar waren, standen eine Reihe sowohl direkter als auch indirekter Verfahren zur Verfügung. Die direkten Verfahren lieferten jedoch keine plausiblen Ergebnisse, so daß die Belegungsdichte nur indirekt bestimmt werden konnte:

Direkte Methoden:

2.8 Zusammenstellung der Syntheseergebnisse

Es wurden verschiedene Immunogene synthetisiert, die sich durch die Anfangsbedingungen bei der photochemischen Kopplung unterschieden. Bei der Synthese von 6-APA-OVA 1 wurde das Protein in 10 ml Puffer gelöst, bei der Herstellung von 6-APA-OVA 2 dagegen in 30 ml. Die Proteinkonzentration im Reaktionsgemisch war daher zum Ende der Reaktion 4-fach geringer. Außerdem wurde die Reaktion im Ansatz 2 in einem weiteren Gefäß (4,5 cm, Ansatz 1: 4,0 cm) durchgeführt, so daß der Faktor aus Proteinkonzentration und von der UV-Lampe zu durchstrahlender Schichtdicke kleiner wurde. Dieser Faktor wäre bei Verwendung der gleichen Gefäße unverändert geblieben und bestimmt die absolute Absorption der Lösung (Lambert-Beersches Gesetz). Damit sollte der Einfluß des Volumens und der Proteinkonzentration auf den Verlauf der Reaktion getestet werden. Die Reaktion wurde jeweils abgebrochen, wenn keine oder nur noch eine geringfügige Abnahme der Extinktion bei 267 nm zu beobachten war. Die Reaktionsausbeute wurde photometrisch bei 267 nm bestimmt (Tab. 2-1).

Tab. 2-1: Übersicht über die Parameter bei der photochemischen Kopplung
6-APA-OVA 16-APA-OVA 26-APA-KLH
mg Protein/ml Puffer101 mg OVA/
10 ml Puffer
101 mg OVA/
30 ml Puffer
100 mg KLH/
10 ml Puffer
mg Azidobenzoylpenicillin
/ml Puffer
20 mg/10 ml20 mg/10 ml21 mg/10 ml
entsprechen
mg 6-APA
12 mg12 mg12,4 mg
entsprechen
µg 6-APA/mg Protein
119 µg/mg119 µg/ml124 µg/mg
Reaktionszeit14,5 Stunden13 Stunden9,5 Stunden
Reaktionsausbeute101 µg/mg = 85 %95 µg/mg = 80 %114 µg/mg = 92 %

 

Die Dissertation wurde am 28. Juni 1996 vom Fachbereich Naturwissenschaften II (Chemie/Biologie) der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal angenommen.

 

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© Mai 1997
Peter de Leuw PdL, , letzte Aktualisierung: 09.12.2010

http://www.pdeleuw.de/diss/synthese.html - ausgedruckt am 04.02.2012